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Meine Geschichte
eines sehr verkorksten Lebens

Von meiner Transidentität habe ich leider erst im Alter von weit über 40 Jahren erfahren, obwohl sie mir schon seit frühester Kindheit das Leben zur Hölle gemacht hat.

Abschnitt I:
Kindheit und Schulzeit:

Jetzt im Nachhinein weiß ich, dass sich die ersten schwerwiegenden Auswirkungen einer Transidentität bei mir schon im Alter von 3 oder 4 Jahren zeigten; also in dem Alter, in dem ein Kind die ersten Freundschaften und Kontakte außerhalb der Familie erfährt. Während die Kinder meines Alters aus der Nachbarschaft aufeinander zugingen und eben diese ersten Freundschaften schlossen, kam ich mir hilflos und völlig fehl am Platze vor. Denn einerseits war ich ein Junge und fühlte mich auch irgendwie als einer. Mein Inneres, was ständig etwas anderes sagte, ignorierte ich, weil ich es einfach nicht richtig verstand. Und ein Junge spielt natürlich mit anderen Jungs zusammen und nicht mit Mädchen. Aber weil Transidentität nicht erst irgendwann im Laufe des Lebens plötzlich aus dem Nichts erscheint, sondern Betroffene eben im falschen Körper geboren werden, war ich also auch damals innerlich schon ein Mädchen und hätte auch viel lieber mit den anderen Mädchen zusammen gespielt. Jungsspiele sind ja so brutal und hirnlos. optische Positionskorrektur für nachfolgenden Smileyblinzeldes Smileymädchen Aber ein Junge, der was auf sich hält, spielt in dem Alter prinzipiell nur mit Jungs zusammen. Einmal abgesehen davon, dass die Mädchen mich Junge wahrscheinlich auch gar nicht bei sich hätten mitspielen lassen. Denn Mädchen in dem Alter sind doch ebenfalls lieber für sich. Die unausweichliche Konsequenz dieser Misere war, dass ich überhaupt nicht mit Nachbarskindern gespielt und mich damit völlig sozialen Kontakten entzogen hatte.

Das änderte sich auch nicht, als ich in die Schule kam. Oder um genau zu sein, dort wurde es sogar noch um ein Vielfaches schlimmer. Denn Einer Durchkreuzen des R's von einer, sodass hier nur noch eine steht, der Durchkreuzen des Wortes der Dazwischenquetschen des Wortes die so verschlossen ist, wie ich es war, ist in einer Gruppe von Kindern das ideale Opfer - das Opfer, welches Kinder leider immer suchen, um es zu hänseln und anderweitig niederzumachen. Von da an war die Welt für mich nicht mehr nur etwas, wo ich einfach nicht hineingehörte, sondern ein Feind, der mir nur Böses will. Ein Umstand, der sich auf meine sowieso schon sehr kümmerliche Kontaktfreudigkeit katastrophal auswirkte und sie praktisch total auslöschte, wodurch ich von meinen Mitschülern und Mitschülerinnen natürlich nur noch umso mehr gehänselt und ausgestoßen wurde.

Während meiner gesamten Schulzeit gab es kein Entrinnen aus diesem Teufelkreis für mich: Gehänselt und zum Opfer gemacht hatte ich kein Interesse an Freundschaften oder sonstige Formen das sozialen Kontakts, ich hatte sogar regelrecht Angst davor. Aber ohne mich der Gemeinschaft einzugliedern blieb ich natürlich weiterhin das Opfer meiner Mitschüler/innen. Später, in den höheren Schulklassen hat sich die Situation zwar ein wenig gebessert und ich habe meine Ängste vor der in meinen Augen nur feindlich gesinnten Umwelt ein ganz klein wenig abgelegt. Auch sind heranwachsende Jugendliche allgemein nicht mehr so brutal gegenüber Mitschülern/innen wie jüngere Kinder, was das Hänseln angeht. Aber ohne je gelernt zu haben, wie man Bekanntschaften und eventuell Freundschaften schließt, hielt sich mein Erfolg diesbezüglich deswegen auch sehr in Grenzen. Außerdem habe ich es sogar bis heute noch nicht gelernt, mich wirklich zu öffnen und bin meinem kompletten Umfeld auch weiterhin sehr verschlossen.

Abschnitt II:
Mein leider sehr kurzes Berufsleben

Nach der Schule begann ich mit einer Ausbildung zum Süßwarenfachmann und Konfektmacher, die ich jedoch wegen gesundheitlicher Einschränkungen schon nach zwei Monaten abbrechen musste. Die Temperaturen im Produktionsbereich ließen sich leider nicht mit meinem sehr niedrigen Blutdruck vereinbaren, sodass ich mehrfach auf der Arbeit einen Kreislaufkollaps bekam. Aber mir liegt das Kaufmännische sowieso mehr und ich war daher mit der Ausbildung zum Speditionskaufmann vermutlich viel besser bedient, die ich ein halbes Jahr später begann. Doch auch die machte ich nicht bis zum Abschluss, wobei ich den Grund des Abbruchs zumindest weitläufig auch meiner Transidentität zuschreibe.

Ok, vielleicht ist es ein wenig weit hergeholt, die Schuld schon wieder bei meiner Transidentität zu suchen. Sie könnte auch ganz einfach nur bei der mir angeborenen Faulheit liegen, die leider auch mehr Einfluss auf mein Leben hat, als mir lieb ist. Denn das vorzeitige Ende meiner Ausbildung kam daher, dass ich einfach unentschuldigt knapp 2 Wochen lang dem Blockunterricht der Berufsschule fernbliebt und während dieser Zeit mit einem Freund und einer Freundin durch die Lande trampte. Es hatte sich ergeben, weil mein Freund und meine Freundin zufällig zeitgleich Urlaub hatten und eine Tour zu dritt sicherlich interessanter wäre. Und ich habe mich ihnen mit Freuden angeschlossen, denn mit den Beiden hatte ich endlich die Freundschaften, nach der sich mein Unterbewusstsein und zwischenzeitlich sogar Teile meines Bewusstseins schon so lange sehnten. Mein Freund und auch meine Freundin wissen übrigens bis heute noch nicht, dass ich zu dem Zeitpunkt überhaupt keinen Urlaub hatte, sondern zur Berufsschule hätte müssen, wobei ich aber vermute, dass zumindest meine Freundin es über kurz oder lang durch diese Webseite erfahren wird. optische Positionskorrektur für nachfolgenden Smileyflötendes Smileymädchen

Als nun mehr oder weniger Ungelernter hatte ich ein oder zwei Aushilfsstellen angenommen, bevor ich eine Festanstellung in einer Videothek fand, wo zu meinem hauptsächlich kaufmännischen Tätigkeitsfeld auch der Aufbau eines Kundenkreises für Hausbelieferungen gehörte, den ich später komplett alleine als Haupttätigkeit betreuen sollte. Doch soweit ist es gar nicht mehr gekommen, denn während einer dieser anfänglich zum Aufbau nötigen Fahrten mit dem Auto bin ich selbstverschuldet schwer verunglückt, was mir zwei Wochen Koma sowie ein fast einjährigen Krankenhausaufenthalt einbrachte und aus dem bei mir eine 60 prozentige Minderung der Erwerbsfähigkeit resultiert.

Frei nach Otto, der Film ("Da waren sie wieder: meine 3 Probleme"):
Das waren also meine 3 bisherigen Stufen des Lebens: Eine trostlose Kindheit, eine grauenhafte Jugend und ein missglückter, obendrein wegen den Auswirkungen mich Zeit meines Lebens beeinflussender Start ins Erwachsenenleben.optische Positionskorrektur für nachfolgenden SmileySmiley mit negativen Gesichtsausdruck lutscht Lolli Wobei es wirklich fraglich ist, ob mein Dasein bis zu dem Zeitpunkt überhaupt als Leben bezeichnet werden kann oder ob es nicht mit Dahinvegetieren und Warten auf den Tod besser tituliert wäre. Jedoch im Bezug auf diesen Punkt sollte sich auch die nächsten gut 20 Jahre nichts ändern.

Abschnitt III:
Meine dritte Chance

Wegen meinen aus dem Unfall resultierenden Behinderungen und weil es eben ein Berufsunfall war, bekam ich von der Berufsgenossenschaft eine Umschulung finanziert. Auch wenn ich mich im Leben schon sehr häufig ziemlich dusselig und dumm angestellt habe, doof bin ich aber nicht. Das bewies ich auch der Berufsgenossenschaft beim Eignungstest von für mich in Frage kommende Umschulungsmaßnahmen. Weil ich den mit einem IQ von irgendwas oberhalb 130 abgeschlossen hatte (das Testmaterial reichte nur bis zu dieser Stufe), machten sie mir das Angebot eines Studiums zum Wirtschaftsinformatiker FH.

Dass ich über dieses Ergebnis stolz wie Oscar war und das Angebot annahm, muss ich wohl nicht extra erläutern. Schließlich war es nicht nur eine Möglichkeit, doch noch zu einer abgeschlossenen Berufsausbildung zu kommen, sondern es war die Chance meines Lebens! Die Möglichkeit eines Studiums ohne Abi bekommt man doch wirklich nicht alle Tage. Aber wie schon meine beiden zuvor begonnenen Berufsausbildungen habe ich diese dritte ebenfalls in den Sand gesetzt. optische Positionskorrektur für nachfolgenden Smileylaut weinendes Smileymädchen

Ob dieses Mal mein Handicap Transidentität eine nennenswerte Rolle spielte oder ich das Studium alleine wegen unfallbedingten psychischen Beeinträchtigungen nicht vollenden konnte, vermag ich nicht zu beurteilen. Mir bekannte Tatsache ist nur, dass ich die innerhalb von 6 Semestern (3 Jahren) zu erbringenden Leistungen nicht aufgebracht habe, deshalb durch die Abschlussprüfung gefallen bin und dieses mit Sicherheit nicht daran gelegen hat, dass ich eventuell zu doof für so ein Studium sein könnte. Diesen, geschmeichelt ausgedrückt, Mistbock, den ich da geschossen habe, habe ich ganz und gar mir alleine zuzuschreiben und darf keinem widrigen Umstand die Schuld daran geben. Das muss ich zu meiner Schande hier ganz offen gestehen.

Abschnitt IV:
Die letzten 21 Jahre

Nachdem ich nun diese Chance meines Lebens unwiderruflich versemmelt hatte, bin ich in ein tiefes Loch gefallen und habe die schlimmste Form des Dahinvegetierens "genossen", die man sich überhaupt vorstellen kann. Meine sozialen Kontakte bzw. das überhaupt aus der Wohnung gehen habe ich auf einen totalen Nullpunkt heruntergeschraubt. Ich wollte mit der mir in meinen Augen feindlich gesinnten Welt nichts mehr zu tun haben und mein Lebensmotto wurde wieder zu: „Irgendwann erfolgt die Erlösung und du darfst an Altersschwäche sterben.”

Zwar habe ich vor Allem wegen des unnachgiebigen Drängens einer Freundin (meiner besten!optische Positionskorrektur für nachfolgenden Smileyklassisches Smileymädchen ) und ihrem damaligen Freund, heutigen Ehemann, nach dem unrühmlichen Ende meines Studiums nochmals einen Job angenommen. Auch, wenn er nur als Aushilfe und auf Basis geringfügigen Lohns war, es war immerhin eine Arbeit, der ich mehrere Monate nachging. Doch dessen Ende kam mit einem erneuten Berufsunfall während der Ausübung meiner Arbeit genau in diesem Job und bescherte mir außer erneut mehrere Wochen Krankenhausaufenthalt eine Aufstockung meiner Minderung der Erwerbsfähigkeit von 60 auf 70 Prozent. Und mit seinem Ende und dem darauf folgenden Ende des Krankenhausaufenthaltes kam der Punkt, an dem ich begann, mein Einsiedlerleben wieder aufzunehmen und es 15 Jahre lang sogar so weit perfektionierte, dass ich nur noch aus der Wohnung ging, wenn es sich wirklich nicht vermeiden ließ - was im Durchschnitt etwa ein Mal pro Monat vorkam.

Seit Ende des Jahres 2007 weiß ich über mich und meine Transidentität Bescheid und arbeite intensiv daran, aus meinem Leben doch noch etwas zu machen. Mit dem damals beim Studium Gelernten kann ich in dem schnelllebigen Computerzeitalter direkt zum größten Teil zwar nicht mehr viel mit anfangen. Jedoch kann ich es hervorragend aufbauend für im Selbststudium beigebrachten Computersprachen nutzen, wo ich hoffe, in absehbarer Zeit trotz meines für einen Berufsstart hohen Alters Fuß fassen zu können.

Aber die bisherige Zeit, das sind fast 50 Jahre, kann mir niemand zurückgeben. Dabei wäre es für mich das Größte gewesen, ein Mädchen sein zu dürfen, mit Kameradinnen meines Alters Puppen spielen und mit Kleid, Rock oder sonstwie weiblich gekleidet nach draußen sowie zur Schule gehen zu können … was ich aber erst jetzt herausgefunden habe, nachdem ich schon Jahrzehnte aus der Schule heraus bin und Spielen mit Puppen, zumindest mit Kameradinnen meines Alters, auch irgendwie doof ankommen würde. optische Positionskorrektur für nachfolgenden Smileyblinzeldes Smileymädchen

Abschnitt V:
Abschlussgedanken

Es wäre mit Sicherheit falsch, meiner Transidentität nun die alleinige Schuld zukommen zu lassen, dass mein Leben fast 50 Jahre einem Dahinvegetieren glich, welches man selbst seinem ärgsten Feind nicht wünschen darf. Daran sind auch andere Faktoren Schuld, nicht zuletzt ich selber und mein innerer Schweinehund. Denn es gibt zahlreiche transidentische Menschen, die trotz dieses Handicaps und in Unwissenheit darüber auch vor ihrer Feststellung, dass sie transidentisch geprägt sind, ein mehr oder weniger glückliches Leben haben.

Jedoch gebe ich meiner Transidentität die Hauptschuld (mit Abstand!) über den Ausgang meines bisherigen Lebens. Denn hätte ich so leben können, wie es meinem Inneren entspricht, also als Mädchen bzw. in späteren Jahren als Frau, hätte mein Leben gleich Anfangs eine viel gesündere Entwicklung genommen. Leider bin ich erst Ende 2007 mit dieser Thematik ausreichend in Kontakt gekommen und weiß seitdem überhaupt erst, dass es so etwas gibt. Davor habe ich mich selber immer für einen Transvestiten mit einer Macke obendrauf gehalten; Transvestit, weil ich gerne Mädchen- und Frauenkleider anziehe und das die einzige Ausrichtung war, die ich über Männer mit Vorliebe für weibliche Kleidung kannte. Und eine Macke obendrauf, weil ich spürte, dass die Kleidung nicht alles war. An dieser Stelle möchte ich den Medien meinen Undank aussprechen, die bis vor noch gar nicht so langer Zeit überhaupt nicht über dieses Thema informiert haben und auch in der gegenwärtigen Zeit noch sehr spärlich über diese oder ähnliche Problematiken berichten; zumindest, was die reine Information betrifft und nicht das Reißerische, was nur den Einschaltquoten dient und häufig sogar noch jede Menge absichtlich eingefügter Falschinformationen beinhaltet.

Ich wünsche jedem transidentischen Menschen, dass ihr/sein Handicap früher, viel früher, als bei mir entdeckt wird. Denn selbst mit falschen (den des anderen Geschlechts zugehörenden) äußeren Geschlechtsmerkmalen, die selbstverständlich bis zu einem gewissen Alter unangetastet bleiben müssen, ist es doch ein gewaltiger Unterschied, ob ein transidentisches Mädchen (Wesen und Denken eines Mädchens, Körper eines Jungen) sich soweit möglich als Mädchen geben und aufwachen darf und von den Mitschülern und Mitschülerinnen auch als ein solches angesehen wird, oder ob es komplett als Junge aufwächst, auch was die eigene Einstellung betrifft. Dieses bezieht sich natürlich in gleicher Weise auf einen transidentischen Jungen (Wesen und Denken eines Jungen, Körper eines Mädchens).